Nossener Betrieb startet Pilotprojekt in Sachsen / Komplex mit Ölmühle, Tankstelle, Vertrieb und Ausstellung
Salatöl im Autotank
Der Nossener Handwerker Rainer Liebe setzt auf erneuerbare Energien. Vor allem auf Rapsöl als Treibstoff. Auf einer Industriebrache entsteht jetzt ein Komplex mit Ölmühle, Tankstelle und Ausstellung. Das sächsische Pilotprojekt soll nächstes Jahr in Betrieb gehen.
Kaltgepresstes Salatöl fehlt sicher heut in keinem Haushalt. Als Zugabe von Speisen. Doch reines Rapsöl vermag mehr: Es ist ein vortrefflicher Treibstoff. Und dazu noch umweltfreundlich und preiswert. Rainer Liebe aus Nossen, Handwerker für Heizung und Sanitär, hat seine Diesel-Autos umrüsten lassen: Sie fahren mit Pflanzenöl. „Kein Nachteil gegenüber Diesel. Gute Leistung, gleicher Verbrauch“, schätzt der 45-Jährige den Rapsöl-Einsatz ein. Und Liebe spart noch an die 40 Pfennige je Liter im Vergleich zu Diesel.
Rainer Liebe: „Es geht um unsere Umwelt. Wir brauchen alternative Energien.“ Das kaltgepresste Rapsöl sieht er als Zukunftsenergie an. Denn Rapsöl hat bei seiner Verbrennung einen geringeren Kohlendioxid-Ausstoss, ist geruchsneutral, weder giftig noch explosiv - und vor allem: Ölpflanzen sind nachwachsende Rohstoffe.
Rainer Liebe, gelernter Klempner und Installateur, der sich 1993 in Nossen-Augustusberg selbstständig gemacht hat belässt es nicht bei Worten. Er startet jetzt sein Pilotprojekt für Sachsen. Auf der Nossener Fabrikstraße erwarb er eine Industriebrache, die einstige Haar- uns Wollgarnspinnerei, die bis 1990 produziert hatte. Seit mehreren Jahren stand der gelbe Klinkerbau leer. Jetzt soll in die Hallen wieder Leben rein. „Es entsteht ein Komplex mit Ölmühle, Tanks sowie Silos für Raps und Futtermittel. Vor das Gebäude kommt eine Tankstelle“, so Liebe. In den vergangenen Wochen wurde der Bau aus der Gründerzeit der neuen Produktion angepasst. „Jetzt bauen wir das 200-Tonnen-Rapssilo, im August wird die Ölmühle installiert.“
Liebe hat Ehrgeiz. Schon als Motorradfahrer - 1986 wurde er DDR-Meister in der 50-Kubikmeter-Klasse - wusste er: Ohne Risiko und Beharrlichkeit ist nichts zu machen. Das ist auch jetzt so. „Neben Heizung und Sanitär soll das Ganze für meinen Betrieb ein zweits Standbein sein“, bemerkte der Meister, der auf der Fabrikstraße auch seinen neuen Firmensitz einrichtet. Zu dem sechs Gesellen und zwei Lehrlinge, die in den traditionellen Bereichen Heizung und Sanitär tätig sind, kommen jetzt vier Arbeitskräfte dazu. Und Liebe knüpft Kontakte. . Zu einheimischen Bauern, die Raps liefern, zu Werkstätten, die Fahrzeuge mit Dieselmotoren auf Rapsöl-Betrieb umrüsten sollen. Denn vor dem schnellen Griff zur Salatölflasche warnt Liebe: „Ohne Fahrzeugumrüstung geht es nicht.“
Der Nossener möchte keine Konkurrenz zu den Benzin- und Diesel-Tankstellen sein. „ Im großen Stil wird sicher das Pflanzenöl im Treibstoffbereich nicht eingesetzt werden. Aber es gehört zum Energiemix“, so Liebe. Er will ein regionaler Anbieter sein, hier viele mit einbeziehen. Ala „Abfallprodukt“ in der Ölpresse entsteht zum Beispiel Rapskuchen, ein hochwertiges Futtermittel für die Landwirtschaft.
Liebe hat sich auf Messen umgeschaut, im Nürnberger Raum Ölpressen und Werkstätten besichtigt. „Sachsen steht beim Energie-Einsatz von reinem Pflanzenöl erst am Anfang“, sagt der Meister. Einige Umwelt-Aktivisten würden zwar statt des Tigers schon Pflanzenöl im Autotank haben oder damit auch Mini-Blockheizkraftwerke betreiben. Doch Ölmühlen in Sachsen sind rar, ebenso öffentliche Pflanzenöltankstellen (nur in Chemnitz, Leipzig und Ostritz).
Anfang des Jahres kann der Nossener in seiner eigenen Firma zapfen, denn da wird die Rapsöl-Tankstelle eröffnet. Doch Umweltfreunde können hier nicht nur den Fahrzeugtank füllen. Auch Kanister - Rapsöl kann selbst in größeren Mengen in der Garage gelagert werden - können mitgenommen werden. „In Bayern haben sich Kraftfahrer kleine Mini-Öltankstellen in der Garage eingerichtet. Die Technik dafür wollen wir auch vertreten“, sagt Liebe.
Überhaupt hat Ölenergie für ihn einen hohen Wert. Im neuen Betriebsdomizil wird auch eine Ausstellung eingerichtet - gewissermaßen im Zentrum für erneuerbare Energien. Bio-Mini-Kraftwerke, die mit Rapsöl betrieben werden, sollen da vorgeführt werden (einweiteres Steckenpferd von Liebe). Aber auch Solartechnik wird zu sehen sein. Das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft bewertet das Nossener Vorhaben „als interessantes energieökologisches Modell“, wie Sprecher Dirk Reelfs sagt. Allerdings weiß die Behörde auch um die Grenzen von Pflanzenöl. Schon von der verfügbaren Raps-Anbaufläche her wird der „Salattreibstoff“ nur eine Nische belegen können. „Etwa fünf Prozent der Dieselkraftstoffe werden durch Rapsöl und Biodiesel ersetzt“, schätzt Reelfs den Trend ein.
Auch die Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft fördert den Rapsöl-Einsatz. „In Deutschland fahren einige Tausend pflanzenölbetriebene Fahrzeuge, in Sachsen sind es allerdings nur wenige“, sagt Michael Grunert. Die Pflanzenöltankstellen in Chemnitz und Leipzig würden zum Beispiel durch die Landesanstalt gefördert, ebenso die Umrüstung von elf Pkw und Transportern. Jetzt laufen Tests an Fahrzeugen mit moderner Direkteinspritzung, um auch hier Erfahrungen zu sammeln. Knackpunkt: In Sachsen gibt´s nach Ansicht der Landesanstalt keine Spezialbetriebe, die Dieselfahrzeuge umrüsten. „Hauptsächlich in Bayern, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg sind diese zu finden“, so Grunert.
Dieter Hanke